Dürrenmatt und die Dramentheorie

Grotesk: Neben Aristoteles, Gotthold Ephraim Lessing, Friedrich Schiller und vielen anderen Theoretikern hat sich auch Friedrich Dürrenmatt (1921-1990) mit dem Drama und seiner Funktion auseinandergesetzt. Auch er leistete mit seinen Werken einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung des Theaters und dem deutschsprachigen Literaturkanon.

Friedrich Dürrenmatt und die Moderne

Geboren im Jahr 1921 wurde Friedrich Dürrenmatt Zeuge des Zweiten Weltkriegs. Die nachfolgende Zeit des Kalten Krieges prägte die Gesellschaft und gleichsam auch Dürrenmatts Werke, wie sich im Laufe dieses Beitrages noch zeigen wird. Der gebürtige Schweizer Autor, der u. a. in Bern lebte, legte seinen Fokus einerseits auf Bühnenwerke und andererseits auf Romane, die mittlerweile als Taschenbuch kostengünstig erhältlich sind. Zu den Werken aus seiner Feder zählten unter anderem:

  • Der Richter und sein Henker (1951, Roman)
  • Der Verdacht (1952, Roman)
  • Theaterprobleme (1955, dramentheoretischer Text)
  • Der Besuch der alten Dame (1956, Tragikkomödie)
  • Die Physiker (1962, Komödie)

Um später die Dramentheorie Dürrenmatts genauer einordnen zu können, ist es sinnvoll, den Autor selbst und seine politische Haltung bzw. seine Sicht auf die Gesellschaft etwas näher zu analysieren. Dürrenmatt stand zwar keiner besonderen politischen Richtung nahe, jedoch setzte er sich intensiv mit dem philosophischen Ansatz des Existenzialismus auseinander, der sich durchaus als politisch engagiert verstand. Der Existenzialismus war besonders von der Auffassung geprägt, dass der Mensch als einziges Wesen, das verneinen kann, einen besonderen Bezug zum „nichts“ hat.

Kunst um der Kunst willen – oder etwa nicht?

Die kritische Auseinandersetzung mit dem menschlichen Sein vor dem Hintergrund des Existenzialismus wirkte sich auch auf die Werke Dürrenmatts aus. So war es nicht seine Absicht, die Kunst um der Kunst willen (L’art pour l’art) zu produzieren. Vielmehr verfolgte Dürrenmatt mit seinen (Bühnen-) Werken – ähnlich wie auch das epische Theater von Brecht – das Ziel, zum Nachdenken anzuregen. Dürrenmatt entwickelte dabei aber einen ganz eigenen Stil, der sich deutlich vom epischen Theater abhob, auch wenn beide Arten des Theaters einen ähnlichen Grundgedanken verfolgten. Gerade die Bühnenwerke, ihr Aufbau und ihr Hintergrund beschäftigten Dürrenmatt besonders. Im Jahr 1955 widmete er der Thematik des Theaters sein Werk Theaterprobleme, in dem er seine Dramentheorie ausführlich darlegte.

So übte Dürrenmatt zunächst einmal Kritik am traditionellen aristotelischen Theater, das mit seinen drei Einheiten von Zeit, Raum und Handlung einerseits nicht mehr zeitgenössisch war. Andererseits merkte Dürrenmatt ebenfalls an, dass der Sinn von Theater, so wie ihn Aristoteles mit dem Ziel der Katharsis beschrieb, ebenfalls nicht mehr dem Zeitgeist entspreche. Gerade die moralischen Verpflichtungen des Helden, wie sie noch im aristotelischen Theater das Ideal darstellten, waren in Zeiten Dürrenmatts klar überholt. In einer Welt, die nach dem Zweiten Weltkrieg von Umbrüchen, dem Kalten Krieg und dem technischen Fortschritt geprägt war, gab es kein richtig oder falsch mehr, so die Kritik Dürrenmatts an der aristotelischen Dramentheorie.

Friedrich Dürrenmatt Dramentheorie: Kritik am epischen Theater

Dürrenmatt kritisierte jedoch nicht nur die Prinzipien, die hinter dem aristotelischen Theater standen, sondern auch die des kompletten Gegensatzes: So konnte sich der Schweizer Autor und Dramentheoretiker ebenfalls nicht mit dem epischen Theater identifizieren. Auch wenn Brechts Theaterentwurf ebenfalls das Ziel verfolgte, das Publikum zum Nachdenken anzuregen, so unterschieden sich die Mittel von Brecht und Dürrenmatt erheblich. Das epische Theater ist besonders von dem sogenannten Verfremdungseffekt geprägt: Das heißt, dass die Schauspieler alles dafür tun, um nicht mit den von ihnen gespielten Rollen übereinzustimmen. Skurrile Dialoge, besondere Regieanweisungen, Prologe oder der gezielte Einsatz eines Chors sollten das Publikum von der alleinigen Unterhaltung abbringen und durch eine offensichtliche Dissonanz zum Nachdenken anregen.

Für das epische Theater war es besonders wichtig, nicht nur zum Nachdenken anzuregen, sondern einen gewissen Lehrgehalt zu vermitteln. Genau diesem Aspekt widersprach Dürrenmatt mit seiner Dramentheorie. Ein Theaterstück, das lediglich zu Lehrzwecken aufgeführt wird, entspricht nicht Dürrenmatts Vorstellungen von Theater. Worin Dürrenmatt und Brecht jedoch übereinstimmen ist die Distanz, die der Zuschauer zur Handlung bekommen soll – nur die Art und Weise, wie diese Distanz erreicht werden soll, variiert. Das hängt besonders von der Wahrnehmung der Welt ab.

Dürrenmatts Theater: Die Tragikkomödie

Mit seiner Dramentheorie etablierte Dürrenmatt eine neue Unterform des Dramas, nämlich die sogenannte Tragikkomödie. Dabei handelt es sich um eine Mischung aus Tragödie und Komödie – eine Neuerung, die vor allem aus einem Grunde erfolgte: Laut Dürrenmatt verlor die Tragödie ihre Aktualität. Dies liege vor allem daran, dass Adelige und Feldherren (Stichwort: Ständeklausel) in der damaligen Welt keine Repräsentationsmacht mehr hätten. Die tragischen Helden in Dürrenmatts Zeit, so formulierte er es selbst, seien ohne Namen. Die traditionelle Form des Theaters mit Protagonisten, die einen hohen sozialen Stand haben, womit gleichzeitig auch eine hohe Fallhöhe einhergeht, war Dürrenmatt zufolge also nicht mehr zeitgemäß.

Vielmehr nutzte der Schweizer für seine Stücke die bekannten „kleinen Charaktere“ aus der Komödie. Die namenlosen Protagonisten, das austauschbare Komödienpersonal, konnten die damalige Welt am besten Darstellen. Jedoch musste angesichts der schwierigen Umstände der Komödie ein Teil des Witzes genommen werden. Dieses gelang am besten durch den Aspekt der Tragik: „Wir können das Tragische aus der Komödie erzielen.“ Ein neues Subgenre war geboren: Friedrich Dürrenmatt etablierte die Tragikkomödie mit ihrem besonderen Stilmittel, dem Grotesken.

Video grotesk „Lauter schwierige Patienten“: Marcel Reich-Ranicki über Friedrich Dürrenmatt

Die Besonderheiten der Tragikkomödie: Das Groteske

Doch was kennzeichnet eigentlich das Groteske? Im landläufigen Sinne werden in der deutschen Sprache auch folgende Adjektive synonym verwendet: Absurd, ausgefallen, bizarr, komisch und sonderbar – diese Wortsammlung macht deutlich, was das Groteske ist. Es handelt sich – vor allem im Theater Dürrenmatts – um Handlungsabläufe und Inhalte, die alles andere als normal sind. In Zeiten, in denen das Töten und Sterben zu einer ganz normalen Sache geworden ist, kann nichts mehr schocken, was in die Richtung des Dramatischen geht. Das Groteske hingegen erregt aufsehen und erzeugt die gewünschte Distanz vom Publikum zu dem, was es sieht. Die Probleme der modernen Gesellschaft sind Dürrenmatt zufolge nicht mehr nur dramatisch, sondern so schlimm, dass der einzige Ausweg darauf das lustig Machen ist. Dafür bedient er sich des Stilmittels des Grotesken.

Die Realität wird in den Stücken völlig übertrieben und überzogen dargestellt, dass der Zuschauer gar nicht anders kann, als dies lustig zu finden. Das Chaos wird zum besonderen Kennzeichen des Dürrenmatt’schen Dramas: Die extreme Tragik schlägt um vom Traurigen und Schockierenden in das Witzige, Absurde und Lustige. Dieses Extrem widerspricht sowohl dem aristotelischen Theater als auch dem epischen Theater Brechts und beweist, dass Dürrenmatt eine ganz eigene Strategie entwickelt hat, um in seinen Werken auf gesellschaftliche und politische Missstände aufmerksam zu machen. Anders als Brecht, der unmittelbar den Aufbruch in die Moderne miterlebte, befindet sich Dürrenmatt am Übergang von Moderne zu Post-Moderne. Gerade der Kalte Krieg, der Fall der Atombombe und die Veränderung der Gesellschaft von der Nachkriegsgeneration zur Wohlstandsgesellschaft kennzeichnen sein Werk nachhaltig.

Video „Autoren erzählen“: Friedrich Dürrenmatt

Friedrich Dürrenmatt illustriert in Auszügen aus einer Filmdokumentation von 1984 mit einer Anekdote, was für ihn Humor ist. Er spricht von senem Bezug zum „Irrenhaus“ in seinen Werken und was er mit seinen Texten bewirken will. Zum Thema Religion gibt er eine grotesk persönliche Stellungnahme ab.

Friedrich Dürrenmatts Die Physiker und Der Besuch der alten Dame

Zwei besondere Werke sollen in diesem Zusammenhang hervorgehoben werden. So thematisiert Dürrenmatts Die Physiker die Verantwortung der Wissenschaft gegenüber der Gesellschaft. Im Stück leben drei Wissenschaftler in einer psychiatrischen Klinik – keineswegs aus Gründen einer Erkrankung, sondern um sich und die Welt zu schützen: Einer der Physiker hat eine Entdeckung gemacht, die die Vernichtung der Welt mit sich bringen kann. Eine klare Parallele zur Atombombe ist hier festzustellen. Das Besondere an Die Physiker: Die Handlung wirkt extrem überzogen, eben grotesk, sodass der Zuschauer zwar einen Einblick in die bekommt, wie gefährlich die Entdeckung des Physikers für die Menschheit ist – es überwiegt jedoch das Groteske der Handlung. Auf diese Weise wird eine Distanz vom Publikum zur Handlung geschaffen.

Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame hingegen setzt sich mit den Problemen der Wohlstandsgesellschaft auseinander. Menschen werden käuflich und auf diese Weise unmenschlich. Eingewoben ist diese Botschaft nicht in ein Erheben des Fingers, sondern in eine köstlich amüsante Handlung: Die schwerreiche alte Dame Claire Zachanassian besucht ihren Heimatort Güllen und zieht durch gezielte Geldgeschenke und Menschen, die für Korruption offen sind, die Fäden im Hintergrund. Auch hier erscheint die Handlung besonders überzogen – ein weiteres Zeugnis dafür, dass das Groteske Dürrenmatts Werke besonders prägte und alltagstauglich machte, jedoch die Zuschauer auf einer Ebene abholte, die gleichsam auch zum Nachdenken anregt.


Bildnachweis: © Fotolia – Titelbild Emanuele Mazzoni

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Über Marius Beilhammer

Marius Beilhammer, Jahrgang 1969, studierte Journalismus in Bamberg. Er schreibt bereits viele Jahre für technische Fachmagazine, außerdem als freier Autor zu verschiedensten Markt- und Businessthemen. Als fränkische Frohnatur findet er bei seiner Arbeit stets die Balance zwischen Leichtigkeit und umfassendem Know-how durch seine ausgeprägte Affinität zur Technik.

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