Kabale und Liebe: Schiller und das bürgerliche Trauerspiel. Werke, Infos & Aufbau

Schillers Kabale und Liebe ist uns allen ein Begriff. Eine Vielzahl von Literaturtheoretikern widmete sich seit der Antike dem Theater bzw. dem Drama. Doch erst mit Ende des 18. Jahrhunderts etablierte sich das Bürgerliche Trauerspiel – Wissenswertes und Infos rund um dieses Theatergenre.

Kabale und Liebe: Drama im klassischen Sinne

Theaterstücke werden seit der Antike aufgeführt – ebenso lang wie die Tradition des Theaters ist auch die der Theorie. Bereits Aristoteles setzte sich mit der Frage auseinander, wie ein gelungenes Theaterstück konzipiert sein sollte, um als besonders gelungen zu gelten. In diesem Zusammenhang sind insbesondere zwei Punkte zu nennen: Einmal die drei Einheiten. Dabei handelt es sich um die Forderung nach der Einheit der Zeit, der Handlung und des Ortes. Dies hatte zum Ziel, dass sich der Zuschauer nicht in verschiedenen Schauplätzen, Handlungssträngen und der Zeit der Handlung verliert, sondern dem Stück idealerweise folgen kann. Aus diesem Grund sollte die Handlung also aus lediglich einem Hauptstrang bestehen, an einem Ort spielen und lediglich den Zeitraum eines Tages einnehmen.

Neben den bekannten drei Einheiten war es nach Aristoteles ebenfalls ein Gütekriterium eines Stückes, wenn in der Tragödie eine bestimmte Fallhöhe eingehalten wird. Das bedeutet, dass die sogenannte Ständeklausel beachtet wird. Die Theorie dahinter: Das Publikum ist vom Fall eines Charakters wesentlich betroffener, wenn der soziale Stand der Figur besonders hoch ist. Scheitern Könige oder wichtige politische Repräsentanten, so ist die Fallhöhe also umso höher und das Stück gleichzeitig auch mitreißender. Diese Theorie hielt sich nicht nur in der Antike, sondern sogar bis in die Klassik. Schillers Maria Stuart oder Goethes Egmont sind nur zwei ausgewählte Beispiele, bei denen die Fallhöhe Königinnen bzw. einen Feldherrn betraf – der Fall am Ende der Tragödie war also wesentlich höher, als wäre ein Arbeiter gescheitert.

Die Reformation der klassischen Tragödie: Das Bürgerliche Trauerspiel

Bis ins 18. Jahrhundert hinein war es also Usus, dass die Protagonisten und Protagonistinnen etwas Besonderes verkörperten und einen hohen sozialen Stand hatten – ganz einfach um der Fallhöhe willen. Wie in vielen gesellschaftlichen und literarischen Entwicklungen auch entwickelte sich in Europa besonders Frankreich zum Vorreiter des Bürgerlichen Trauerspiels. So schrieb Paul Landois im Jahr 1741 sein Drama Silvie, welches er selbst als „tragédie bourgeoise“ bezeichnete, zu Deutsch: Bürgerliche Tragödie. Auch Denis Diderot setzte sich sowohl als Theoretiker als auch als Schriftsteller mit der bürgerlichen Variante des Trauerspiels auseinander. So etablierte sich in Frankreich zunehmend eine Tendenz, die davon absah, die Fallhöhe als das einzig Wahre zu glorifizieren, sondern auch bürgerliche Protagonisten auf die Bühne holte.

Nach und nach erfreute sich das Bürgerliche Trauerspiel auch der Beliebtheit in Deutschland. Als erstes Werk dieses Theatergenres kann Lessings Miss Sara Sampson aus dem Jahre 1755 bezeichnet werden. Auch wenn es sich bei der genannten Protagonistin Lady Sara um eine englische Adelige handelt, so ist es nicht von der Hand zu weisen, dass endlich einmal der niedere Adel die Chance bekam, die Bühne zu erobern. Anders als hohe Königinnen verkörperte Lady Sara als bürgerliche Protagonistin eine Ständeklausel der etwas anderen Art – was für enormen Erfolg sorgte.

Trailer zur Uraufführung von Lessings „Miss Sara Sampson“ // Bürgerliches Trauerspiel

Die Entwicklung des Bürgerlichen Trauerspiels in Deutschland

"Miss Sara Sampson" von Gotthold Ephraim Lessing gilt als das erste Bürgerliche Trauerspiel. (#1)

„Miss Sara Sampson“ von Gotthold Ephraim Lessing gilt als das erste Bürgerliche Trauerspiel. (#1)

Miss Sara Sampson gilt also als das erste Bürgerliche Trauerspiel, welches in deutscher Sprache aufgeführt wurde. Statt hoher und kaum greifbarer politischer Themen, wie die Herrschaft über Schottland oder der Feldzug im 30-Jährigen Krieg, erregten nun private, emotionale und menschliche Handlungen die Aufmerksamkeit. Mit der Fallhöhe fiel die Distanz zum Publikum, denn schlussendlich wurden Themen auf die Bühne gebracht, die jeder in einer solchen Weise schon einmal ähnlich erlebt hat. Auch wenn beispielsweise Schillers Maria Stuart ebenfalls von einer hohen emotionalen Komponente geprägt war und die Rivalität zweier Frauen – Königinnen – thematisierte, so konnte eine gewisse Distanz zum Publikum gefunden werden. Liebesgeschichten, wie sie auch in der Welt der bürgerlichen Theaterbesucher vorkommen konnten, zeigten sich authentischer.

Alles in allem verschob sich also der Schwerpunkt der Handlung und rückte mehr auf die emotionale Ebene. Oftmals spielten sich die Handlungen in den privaten Kreisen der Bürger und niedrigen Adeligen ab: Es ging um Gefühle aller Art sowie zwischenmenschliche Beziehungen, ohne große politische Botschaften zu verkünden. Weitere deutsche Bürgerliche Trauerspiele sind Folgende:

  • Gotthold Ephraim Lessing: Emilia Galotti (1772)
  • Heinrich Leopold Wagner: Die Kindermörderin (1776)
  • Friedrich Schiller: Kabale und Liebe (1784)
  • Friedrich Hebbel: Maria Magdalena (1844)

Kabale und Liebe: Trailer des Staatstheater Kassel

Das Bürgerliche Trauerspiel und die literarische Strömung des Sturm und Drang

Die wohl umfassendste Neuerung des Bürgerlichen Trauerspiels war, dass endlich auch Protagonisten auf die Bühne durften, die nicht der festgemauerten Ständeklausel entsprachen. Diese Besonderheit kann fast schon als Revolution auf der Bühne betrachtet werden. Nicht ohne Grund fällt diese bedeutende Neuerung in die Zeit des 18. Jahrhunderts, in der die Gesellschaft ohnehin von unzähligen Umbrüchen geprägt war. Die wohl wichtigste Veränderung fand im Jahre 1789 statt – mit der Französischen Revolution wurde in Frankreich der Absolutismus abgeschafft und eine völlig neue Staatsordnung erschaffen. Die gottgegebene Thronnachfolge wurde in Frage gestellt – ein klares Zeichen der Aufklärung, mit der ein Ruck durch die Gesellschaft ging. Ratio und Vernunft erhoben sich nach und nach über gottgegebene Strukturen oder lange Traditionen.

Die Reaktionen auf die Französische Revolution, die Aufklärung und den neuen Zeitgeist waren in der Welt der Literatur unterschiedlich. In diesem Zusammenhang soll auch die literarische Strömung des Sturm und Drang Beachtung finden. Der Name der Strömung orientiert sich am gleichnamigen Theaterstück von Friedrich Maximilian Klinger aus dem Jahre 1777 – hier wird bereits deutlich, dass zur Entstehung des Bürgerlichen Trauerspiels gewisse zeitliche Parallelen zu finden sind. Die literarische Strömung des Sturm und Drang wurde durch junge, engagierte Schriftsteller verkörpert, die sich am Zeitgeist des Umbruchs orientierten: Ein Bruch mit dem Gewohnten prägte die Werke des Sturm und Drang. Egal, ob Lyrik (Goethes Prometheus) oder Drama (Schillers Kabale und Liebe) – die Autoren wandten sich gegen das Gewohnte.

Die Entwicklung des Bürgerlichen Trauerspiels

So unter anderem auch an die gewohnten Regeln der Poesie, wie beispielsweise die Ständeklausel. Es ist also nicht von der Hand zu weisen, dass es eine Parallele zwischen der literarischen Strömung des Sturm und Drang und dem Bürgerlichen Trauerspiel gibt – immer unter dem Aspekt der Fallhöhe, die langsam, aber sicher abgeschafft wurde. Das Bürgerliche Trauerspiel entwickelte sich also zu einer Sonderform der Tragödie, bei dem bürgerliche Protagonisten die Bühne eroberten. Vor dem Genre des Bürgerlichen Trauerspiels war das nur im Lustspiel möglich – jedoch wurde der Bürger hier als Hauptfigur lediglich verlacht und trat als Spottfigur auf. Mit dem Bürgerlichen Trauerspiel fanden auch ernste Themen aus der Welt des Bürgertums ihren Weg auf die Bühne.

Ob niederer Adel oder Kleinbürgertum – dieses besondere Theatergenre wurde die Präsentationsplattform für die Bürger. Insgesamt kann dabei eine Entwicklung verzeichnet werden, die sich insbesondere in den Themen manifestiert:

  1. Phase: Theaterstücke über die Auseinandersetzung von Adel und Bürgertum
  2. Phase: Dramen mit dem Themenschwerpunkt Moral (-vorstellungen)
  3. Phase: Tragödien über die Konventionen des Bürgertums
  4. Mit der dritten Phase des Theaters ging schließlich auch eine Weiterentwicklung des Bürgerlichen Trauerspiels einher. Zunehmend wurde es gesellschafts- und sozialkritischer. Letzendes mündete das Bürgerliche Trauerspiel mit dem Naturalismus und weiteren Strömungen der Moderne in gesellschaftliche Dramen.

    Kabale und Liebe, das Bürgerliche Trauerspiel von Friedrich Schiller: Trailer der Landesbühnen Sachsen

    Was macht das Bürgerliche Trauerspiel so besonders?

    Wie bereits mehrfach angedeutet sind es vor allem die bürgerlichen Protagonisten und die neuen Themen, die dieses Theatergenre zu etwas Neuem machen. Nichtsdestotrotz gibt es auch weitere Merkmale, die das Bürgerliche Trauerspiel kennzeichnen und nicht nur mit dem Inhalt des Stückes korrelieren, sondern auch mit der Form. Kennzeichnend war für das Drama der Antike und das Drama der Klassik vor allem der Aufbau in fünf Akten sowie die sogenannte „geschlossene Form“. Dies bedeutete, dass sich die Handlung in den ersten beiden Akten verdichtete und im dritten Akt schließlich der Höhepunkt ereignete. Erst danach fällt die Handlung, die schließlich im fünften Akt in der Tragödie endete. Gustav Freytag setzte sich in seiner Dramenpyramide mit diesem Modell intensiv auseinander.

    Eine Neuerung ging im Bürgerlichen Trauerspiel nun auch mit der Form einher. Viele Autoren hielten nicht mehr am traditionellen Aufbau des Trauerspiels mit fünf Akten fest. Gerade dieser Bruch mit der sogenannten „Regelpoetik“ wurde durch die Autoren der literarischen Strömung des Sturm und Drang postuliert und tatsächlich auch verwirklicht. In der Entwicklung des Theaters bzw. der Literatur kann also nicht trennscharf unterschieden werden. Viele Entwicklungen gehen Hand in Hand, hängen miteinander zusammen oder werden voneinander bedingt. Ebenfalls ist es absolut notwendig, literarische Besonderheiten vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklungen zu betrachten.

    Bürgerliches Trauerspiel: Schillers Kabale und Liebe

    Als Paradebeispiel für das Bürgerliche Trauerspiel gilt Friedrich Schillers Kabale und Liebe. Die Handlung ist schnell beschrieben: Ferdinand und Luise lieben sich – das wäre alles kein Problem, wenn Luise nicht die Tochter des Müllers wäre, also der bürgerlichen Schicht angehören und Ferdinand nicht als Sohn des Präsidenten die Schicht des Adels vertreten würde. Beide Väter der jungen Protagonisten lehnen die Verbindung des Liebespaares ab. Eifersucht, soziale Differenzen und die beiden Protagonisten Lady Milford und Hofmarschall Wurm tun ihr Übriges, dass das Trauerspiel mit der bekannten Katastrophe endet: Sowohl Ferdinand als auch Luise sterben.

    Das typische Merkmal des Bürgerlichen Trauerspiels findet sich auch in dieser Tragödie Schillers: Der Konflikt zwischen Adel und Bürgertum, der schließlich mit einer Katastrophe beschlossen wird. Besonders die Elternteile werden kontrastreich dargestellt. Während die Mutter von Luise französische Fremdwörter durchgängig falsch ausspricht (z. B. Bläsier anstatt Plaisir), ist der Vater Ferdinands, der Präsident, der Inbegriff eines intriganten Adeligen, der seine Macht auszuspielen weiß. Die niedere Herkunft der Mutter, die durch die Sprache besonders deutlich wird, steht im krassen Kontrast zum Präsidenten und seiner Handlungsweise.

    Formale Gestaltung des Stückes

    Die formale Gestaltung von Kabale und Liebe orientiert sich im Großen und Ganzen an der üblichen Struktur: Insgesamt fünf Akte führen zur Katastrophe. Wie auch später bei Maria Stuart spielt Friedrich Schiller in dieser Tragödie mit den Schauplätzen der Handlung – er hält sich nicht an die aristotelische Einheit des Ortes und unterstreicht mit der strengen Symmetrie, dass auch die formalen Komponenten im Bürgerlichen Trauerspiel einen wichtigen Charakter haben. So arbeitet Schiller mit dem sogenannten „dialektischen Prinzip“, das heißt, dass das Werk von bestimmten Gegensätzen geprägt ist.

    Das ist insbesondere bei der Abfolge der einzelnen Szenen deutlich. In gleichmäßigen Abständen wechseln Schauplatz sowie Inhalt der Handlung von der kleinbürgerlichen Welt in die Welt des Adels und umgekehrt. Dieser alternierende Aufbau ist ein typisches Stilmittel, dem sich Friedrich Schiller auch in seinen späteren Werken immer wieder bedient. Es bringt dabei nicht nur „Ordnung“ in ein Stück, sondern hilft dem Zuschauer oder dem Leser auch, die Handlung im Gesamtkontext des Werkes besser zu verorten. Insgesamt drei Szenen zwischen Ferdinand und Luise bringen die Handlung weiter:

    • Am Anfang (Szene 1, 4) wird der Unterschied der Liebenden dargestellt.
    • In der Mitte (Szene 3,4) wird der Wendepunkt besiegelt.
    • Am Schluss (Szene 5,7) gehen beide Protagonisten in den Tod.

    Der stimmige und symmetrische Aufbau gibt dem Stück einen nachvollziehbaren Rahmen und spielt mit den Gegensätzen.


    Bildnachweis: © Fotolia – Titelbild Georgios Kollidas, #1 Erica Guilane-Nachez

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Über Marius Beilhammer

Marius Beilhammer, Jahrgang 1969, studierte Journalismus in Bamberg. Er schreibt bereits viele Jahre für technische Fachmagazine, außerdem als freier Autor zu verschiedensten Markt- und Businessthemen. Als fränkische Frohnatur findet er bei seiner Arbeit stets die Balance zwischen Leichtigkeit und umfassendem Know-how durch seine ausgeprägte Affinität zur Technik.

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