Klassisches Drama: Definition, Aufbau & Beispiele

Kaum eine literarische Form ist traditionsreicher als das Drama. Bereits seit der Antike fesselt die Tragödie sowohl das Publikum als auch die Rezipienten. Ein Grund, dieses besondere literarische Form einmal in den Fokus zu rücken.

Die lange Tradition des klassischen Dramas

Das klassische Drama, auch aristotelisches Drama genannt, hat eine lange Tradition, die bereits in die Antike zurückgeht, genauer auf den Philosophen Aristoteles. Das Drama entstand in Europa etwa im 5. Jahrhundert vor Christus. Zu den berühmtesten Autoren der griechischen Antike zählten Aischylos, Sophokles und Euripides. Ein Jahrhundert später widmete sich Aristoteles dem Drama und versuchte, dieses zu klassifizieren. Ebenso alt wie das Spiel mit verteilten Rollen ist auch der Versuch, das Drama zu definieren und zu beschreiben, denn das Drama hatte das Potenzial zu mehr als nur zur Unterhaltung des Publikums. Aristoteles ging soweit und schrieb dem Drama eine reinigende Wirkung zu (Katharsis). Durch das Schauspiel sollte der Zuschauer Angst und Mitleid (Phobos und Eleos) erleben.

Diese durch das Drama hervorgerufenen Gefühlsregungen sind Affekte. Durch den Einsatz der Ratio und das Reflektieren der Gefühlszustände erreicht der Mensch eine Reinigung dieser Affekte bzw. eine Läuterung der Seele. Das perfekte Drama, das genau diese Effekte zur Folge hat, muss nach Aristoteles stimmig aufgebaut sein. Er formulierte diesbezüglich die drei Einheiten von Zeit, Raum und Handlung, die dem Drama eine geschlossene Form geben. Das bedeutet, dass der Inhalt des Schauspiels komprimiert und klar verständlich sein sollte. Zeitsprünge oder ein Spiel, das über einen Tag hinausgeht, widerspricht der Einheit der Zeit. Die Einheit des Raumes beschränkt sich hingegen auf einen Ort der Handlung. Nebenhandlungen und weitere Sub-Stränge des Plots widersprechen der Einheit der Handlung.

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Dramentheorie und die drei Einheiten

Gemäß Aristoteles ist ein gelungenes Drama, mit welchem die Zuschauer Katharsis erlangen sollen, also ein Spiel, das sich an den drei Einheiten orientiert. Die Dramentheorie hat eine lange Geschichte, die die Optimalform eines Dramas immer wieder thematisiert, optimiert oder leicht abändert. So benennt Volker Klotz die Einhaltung der drei Einheiten in der neueren deutschen Literaturwissenschaft im 19. Jahrhundert als sogenanntes „geschlossenes Drama“. Nachdem die Antike eine bedeutende Epoche für das europäische Drama war, lebte das klassische Drama in der Weimarer Klassik wieder auf.

Bedeutende Vertreter der Weimarer Klassik waren Friedrich Schiller, Johann Wolfgang Goethe, Christoph Martin Wieland und Johann Gottfried Herder. Eine einheitliche Definition für diese literarische Epoche gibt es nicht, jedoch ist es bemerkenswert, dass Goethe nach seiner Italienreise und den gewonnen Eindrücken nach Deutschland zurückkam und sich die Form seiner Werke hin zu klassischen Dramen veränderte. Es liegt nahe, dass die Eindrücke der antiken Kunst, die er in Italien sammelte, sein Denken maßgeblich veränderten. So war doch Faust I noch geprägt von einer aufbegehrenden Attitüde entgegen der Konventionen im Sinne des Sturm und Drang. Mit der Klassik kam ein Streben nach Harmonie und vollendeter Form, was sich auch in den klassischen Dramen und ihrem Aufbau widerspiegelt.

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Eine etwas andere Darstellung des Erlkönigs.

Der Aufbau des Dramas: Freytagsche Dramenpyramide

Der Aufbau des klassischen Dramas wird von vielen Dramentheoretikern thematisiert, wobei die Beschreibung von Gustav Freytag noch bis heute in den Lehrbüchern der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft zu finden ist und als die einprägsamste Erklärung gilt. Die sogenannte freytagsche Dramenpyramide fokussiert den klassischen Aufbau des Dramas in fünf Akten, wobei jedem Akt eine eigene Besonderheit bzw. Bedeutung für das gesamte Stück zukommt. Ähnlich wie eine Pyramide findet das Stück seinen Höhepunkt im dritten Akt, bis dahin steigt die Handlung. Nach dem dritten Akt, in dem der Wendepunkt der Handlung (Peripetie) zu finden ist, fällt die Handlung wieder, wobei ein verzögerndes (retardierendes) Moment integriert ist:

  1. Exposition
  2. Erregendes Moment
  3. Höhepunkt und Peripetie
  4. Fallende Handlung und retardierendes Moment
  5. Katastrophe
Um den Aufbau der Handlung und die freytagsche Dramenpyramide zu verstehen, ist es essenziell, sich zu überlegen, welche Fragen in welchem Akt des Dramas auftauchen und welche Fakten geklärt werden. (#01)

Um den Aufbau der Handlung und die freytagsche Dramenpyramide zu verstehen, ist es essenziell, sich zu überlegen, welche Fragen in welchem Akt des Dramas auftauchen und welche Fakten geklärt werden. (#01)

Die Dramenpyramide im Detail

Um den Aufbau der Handlung und die freytagsche Dramenpyramide zu verstehen, ist es essenziell, sich zu überlegen, welche Fragen in welchem Akt des Dramas auftauchen und welche Fakten geklärt werden. Im ersten Akt, der Exposition oder der Einleitung, werden alle grundlegenden Informationen dargestellt: Wer sind die Protagonisten, wie ist die Situation, in welcher Zeit befinden wir uns und gibt es einen Konflikt? Im klassischen Drama wird also im ersten Akt in die drei Einheiten eingeführt. Der zweite Akt lässt die Handlung ansteigen: Langsam bekommt der Rezipient einen Einblick in die Handlung und das soziale Netz, mit dem die Protagonisten verbunden sind. Ebenfalls wird dem Leser bzw. Zuschauer im zweiten Akt deutlich, welche Intrigen gesponnen werden, denn diese sind für ein Drama von großer Relevanz.

Der dritte Akt steuert dann geradewegs auf den Höhepunkt der Handlung zu. Der Wendepunkt wird Peripetie genannt, hier wird deutlich, in welche Richtung das Stück gehen wird, ferner wird auch zumeist das Schicksal des Helden besiegelt. Im vierten Akt fällt die Handlung, oftmals werden jedoch bestimmte Besonderheiten eingebaut, die die Spannung aufrechterhalten. Das retardierende Moment verzögert den Schluss und eröffnet in der Regel noch einmal einen alternativen Ausgang für ein Plus an Spannung. Mit dem fünften Akt schließt schlussendlich das Drama. Wie der Name bereits andeutet, geht es im Drama um die Katastrophe, der Held geht zumeist unter.

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Weitere Merkmale des klassischen Dramas

Gerade im klassischen Drama spielt die Fallhöhe eine besondere Rolle. Hat der Protagonist eine besondere soziale Stellung inne, beispielsweise eine königliche oder klerikale Stellung, so ist beim Scheitern die Fallhöhe besonders hoch. Gerade dies macht das klassische Drama zu einem besonderen Stück, bei dem oftmals die Ständeklausel (also der soziale Stand eines Protagonisten) berücksichtigt wird. Auch das Prinzip der Fallhöhe, das auf Arthur Schopenhauer zurückgeht, referiert auf Aristoteles und seine antike Dramentheorie. Während im klassischen Drama Könige, Adelige und Prinzessinnen die Helden eines Stückes sind, so ändert sich dies mit der Etablierung des Bürgerlichen Trauerspiels: plötzlich werden bürgerliche Protagonisten bühnentauglich.

Neben Aristoteles, Lessing und Freytag beschäftigte sich unter anderem auch Friedrich Schiller mit der Funktion des Dramas. Als Schriftsteller widmete er sich nicht nur seinen klassischen Werken, sondern auch der Dramentheorie. Zentrale Bedeutung nahmen in Schillers Schriftstücken vor allem die schöne Seele sowie Sinnlichkeit und Anmut ein. Als Arzt nimmt Schiller eine anthropologische Sichtweise ein und stellt einen Zusammenhang von Affekt und Ratio her bzw. nimmt an, dass mit Vernunft der Affekt bezwungen werden kann. Die Funktion des Theaters ist nach Schiller die Schulung des humanitären Verständnisses des Einzelnen. So kann auf individuelle Art und Weise das Leben bewältigt werden.

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Schillers Maria Stuart als klassisches Drama

Als Beispiel für ein klassisches Drama aus der Epoche der Weimarer Klassik kann ganz klar Friedrich Schillers Maria Stuart genannt werden. Die Uraufführung des Trauerspiels in fünf Akten fand am 14. Juni 1800 statt, nachdem Schiller eine längere Recherchezeit aufwendete. Schiller als Arzt und Historiker liebte die Auseinandersetzung mit historischen Stoffen, wobei er sich bei Maria Stuart nicht gänzlich an die historisch korrekten Fakten hielt. Das Trauerspiel behandelt den Kampf der beiden Rivalinnen Elisabeth, der Königin von England und Maria, der Königin von Schottland. Während sich die beiden Frauen in der Realität nie begegneten, stellt Schiller dies zugunsten seines Stückes und dem Verlauf jedoch anders dar. Das Stück endet mit der Hinrichtung der schottischen Königin, die – so die umstrittene Interpretation – als geläuterte bzw. schöne Seele in den Tod geht.

Schon der Aufbau Schillers Werk zeugt von einer außerordentlichen Formstrenge. In fünf Akten führt das Schauspiel zu Katastrophe, wobei jedem Akt die freytagsche Bedeutung zugemessen werden kann. Die architektonische Strenge wird außerdem von einer weiteren Besonderheit unterstrichen: Alternierend fokussiert jeder Akt eine andere Protagonistin: Während der erste und der letzte Aufzug, wie der Akt ebenfalls genannt wird, Maria ins Zentrum rückt, dreht sich im zweiten und im vierten Akt alles um Elisabeth. Dem dritten Akt, der mit der Peripetie den Höhepunkt des Stückes darstellt, kommt mit der Begegnung der beiden Königinnen eine gesonderte Stellung zu. Neben dieser gleichmäßigen „Verteilung“ der Akte hält sich Schiller außerdem an mehrere andere Besonderheiten des klassischen Dramas.

Ständeklausel, die drei Einheiten und die Handlung in Maria Stuart

Ins Auge sticht zunächst die Rollenverteilung des Trauerspiels: So handelt es sich sowohl bei Maria Stuart als auch bei Elisabeth um zwei Königinnen. Ein Scheitern ist somit mit einer hohen Fallhöhe verbunden, was zeigt, dass sich Schiller an der Ständeklausel orientierte. Die Einhaltung der drei Einheiten ist nur partiell gewährleistet. So findet die Handlung einerseits in Marias Gemächern, dem Kerker, dem Hinrichtungsplatz und in der freien Natur statt. Dies sorgt für Abwechslung, hält sich jedoch nicht an die Einheit des Ortes. Da die Handlung innerhalb eines Tages stattfindet, orientiert sich dies jedoch an der Einheit der Zeit. Auch die Einheit der Handlung ist nicht zu 100 Prozent erfüllt, was jedoch das Stück besonders spannend werden lässt.

Mehrere Nebenstränge, so was Verhältnis von Maria und Mortimer oder das von Leicester und Elisabeth, entsprechen nicht vollkommen der Einheit der Handlung – auch wenn sich der Großteil des Plots um die Rivalität der beiden Protagonistinnen dreht. Schillers Werk fokussiert insbesondere die Gegensätze der beiden Königinnen. So wird Maria als naturnah, affektvoll und schön beschrieben. Elisabeth hingegen kommen die Attribute vernünftig, rational, kühl und weniger schön zu. Diese Differenz der beiden Protagonistinnen zieht sich durch das gesamte Stück und nimmt den Rezipienten mit auf eine Reise voller Kontraste. Die Katastrophe des Werkes, bei der Maria scheinbar im Frieden mit sich selbst in den Tod geht, regt zum Nachdenken und reflektieren an – ganz im Sinne der Katharsis und auch im Sinne Schillers Dramentheorie.


Bildnachweis: © Fotolia – Titelbild Georgios Kollidas-#01:

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Über Marius Beilhammer

Marius Beilhammer, Jahrgang 1969, studierte Journalismus in Bamberg. Er schreibt bereits viele Jahre für technische Fachmagazine, außerdem als freier Autor zu verschiedensten Markt- und Businessthemen. Als fränkische Frohnatur findet er bei seiner Arbeit stets die Balance zwischen Leichtigkeit und umfassendem Know-how durch seine ausgeprägte Affinität zur Technik.

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