Modernes Theater: Besonderheiten und Neuerungen

Modernes Theater – Kaum ein Begriff ist so geflügelt wie der des modernen Theaters. Moderne Stücke, moderne Interpretationen oder moderne Kritik – es gibt eine Vielzahl an zeitgenössischen Änderungen, die das moderne Theater zu etwas ganz Besonderem machen.

Unterhaltung: Theater, Kino, Web

Das moderne Theater muss sich abgrenzen - gegen das Theater der Antike und vielleicht auch gegen sich selbst, muss sich ständig neu erfinden. Kein Punkt der Ruhe ist hier in  Sicht. (#1)

Das moderne Theater muss sich abgrenzen – gegen das Theater der Antike und vielleicht auch gegen sich selbst, muss sich ständig neu erfinden. Kein Punkt der Ruhe ist hier in Sicht. (#1)

Wer sich mit dem modernen Theater auseinandersetzt, der muss sich zunächst einmal darüber bewusst werden, was überhaupt der Sinn und Zweck von Theater ist und war – und was sich in diesem Zusammenhang wohl verändert hat. Das Theater hat seinen Ursprung bereits in der Antike – in den bekannten Rundtheatern wurden erste Tragödien aufgeführt. Ob Sophokles oder Aristoteles. Tragödien fanden einen Einzug in die Literatur, wurden niedergeschrieben und auch diskutiert. In diesem Zusammenhang kann auch die Dramentheorie Erwähnung finden. Immer mehr Autoren und Theoretiker überlegten, was das Theater zu dem macht, was es ist und wie der beste Output für das Publikum erlangt werden könnte. Zu diesem Zweck formulierte Aristoteles die Forderung nach den drei Einheiten von Zeit, Raum und Handlung ebenso wie die der Ständeklausel.

Nie verlor das Theater an Beliebtheit und entsprechend viele Subgenres und Theorien entwickelten sich, so beispielsweise das Bürgerliche Trauerspiel. Doch welchen Zweck verfolgte das Theater eigentlich? Während Friedrich Schiller sich in seiner Schrift Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet über den erzieherischen Sinn des Theaters äußerte, war das Theater viel mehr als nur das! Gerade im Hinblick auf die mediale Welt der Vergangenheit kann ganz klar festgestellt werden, dass das Theater auch einen wesentlichen Anteil an der Unterhaltung beitrug. In jedem Fall müssen die Unterschiede zwischen tief gehenden Tragödien und einem wesentlich platteren Laientheater betrachtet werden. In jedem Fall steht fest: In Zeiten, in denen Kino, Internet und Co. nicht existierten, war das Theater eine Form der Unterhaltung.

Modernes Theater: Von der Unterhaltung zur Kultur

Auch in unserer heutigen Zeit dienen das Theater und das besondere Flair immer noch zur Unterhaltung – zeitgleich kommt jedoch auch eine kulturelle Komponente hinzu. Gerade mit einem Blick auf das Publikum kann festgestellt werden, dass ein Theaterbesuch mittlerweile eine andere Stellung hat, als es noch vor 20, 50 oder 200 Jahren der Fall war. In Zeiten von Fernsehen, Internet und legalen Streaming-Diensten ist es bei Weitem nicht mehr notwendig, das Haus zu verlassen, um Unterhaltung geboten zu bekommen. Bei den meisten Menschen ist ein Besuch im Theater mittlerweile ein kulturelles Highlight – und das nicht ohne Grund. Ein Blick in das Programm beweist, dass es hier nicht gerade leichte Kost zu genießen gibt.

Der Spielplan des Residenztheaters München zeigt Folgendes:

  • Montag: Balkan macht frei
  • Dienstag: Prinz Friedrich von Homburg
  • Mittwoch: Glaube Liebe Hoffnung
  • Donnerstag: Macbeth
  • Freitag: Madame Bovary
  • Samstag: Antigone
  • Sonntag: Iwanow

Video Kulturzeit: „Kasimir und Karoline“ am Residenztheater München

Weltliteratur ist hier wirklich inklusive – ob Sophokles, Shakespeare, Heinrich von Kleist oder Ödön von Horváth: Der Spielplan ist voll von anspruchsvoller Kost. Mal eben den Kopf ausschalten ist beim Thema „modernes Theater“ also keineswegs möglich.

Theater: Von der Antike bis jetzt

Um den Begriff des modernen Theaters besser fassen zu können, ist es nicht nur notwendig, einmal die Verschiebung von Unterhaltung zu Kultur zu betrachten, sondern auch die allgemeine historische Entwicklung in den Fokus zu nehmen. Wie bereits angedeutet, liegt der Ursprung des uns bekannten Theaters in der griechischen Antike, wo der Unterschied von Bühne und Zuschauerraum etabliert wurde. Auch in der römischen Antike ging die Tradition des Theaters in eine neue Runde. Beispielsweise die Ludi Romani waren ein Event, bei welchem dem Publikum ein buntes Schauspiel geboten wurde. Im Mittelalter dann konnten sich Passions- und Fastnachtspiele einer großen Begeisterung erfreuen. Nach kurzen Intermezzi im Barock wurde das Drama bzw. das Theater mit der gesellschaftlichen Wende der Aufklärung wieder beliebter.

Zahlreiche literarische Epochen und Strömungen waren maßgeblich an der Entwicklung des Theaters beteiligt: Ob Sturm und Drang, Klassik, Junges Deutschland und Vormärz oder der Naturalismus. Wie immer in der Literatur kann keine trennscharfe Linie gezogen werden, jedoch wird der Naturalismus vielmals als die Grenze zum Aufbruch in die literarische Moderne gekennzeichnet. Und gerade hier kommt ein weiterer Knackpunkt, der beim Thema „modernes Theater“ beachtet werden muss. In welchem Sinne wird hier von modern gesprochen? Es gibt mehrere Möglichkeiten, das Wort modern zu interpretierten:

  1. Modern als zeitgenössisch: Modernes Theater als das Theater unserer Tage in der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts
  2. Modern im literarischen Kontext: In der Literaturgeschichte wird ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts von der Moderne gesprochen.

Was heißt modernes Theater?

Was also der Begriff „modernes Theater“ bedeutet, hängt ganz klar von der Sichtweise ab. Literaturwissenschaftlich gesehen haben wir mittlerweile die Epoche der Moderne klar überholt. War die Moderne von technischen Neuerungen, wie dem Automobil und gesellschaftlichen Veränderungen wie der Verstädterung geprägt, kommt mit der Postmoderne zu einer Auflösung dieser noch überschaubaren Strukturen. Es lässt sich darüber streiten, ob sich die Gesellschaft aktuell in der Postmoderne (lat. nach der Moderne) befindet oder durch die Digitalisierung vielleicht schon in eine Post-post-Moderne vorgedrungen ist. Fakt ist: Modern mit der Bedeutung „zeitgenössisch“ stimmt nicht mit dem literaturwissenschaftlichen Begriff der „Moderne“ überein. Wird nun über modernes Theater gesprochen, so muss zunächst geklärt werden, welches Verständnis von modern den Ausführungen zugrunde liegt.

Video zur Postmoderne

Filmexploratorium „Tarantinos surreales Theater der Grausamkeit als postmoderne Popkultur“ von Wolfgang Petroll (Dozent für Film und Medienästhetik, Lehrbeauftragter am ZAK) mit Filmzitaten von Quentin Tarantino.

Dieser Beitrag fokussiert vor allem das zeitgenössische Theater. Wie bereits bei der Programmübersicht des Münchner Residenztheaters deutlich wurde, bedeutet zeitgenössisches Theater nicht zwangsläufig, dass nur noch zeitgenössische Stücke aufgeführt werden. Antigone von Sophokles hat seinen Ursprung in der Antike, wohingegen Macbeth von Shakespeare aus dem 17. Jahrhundert stammt. Madame Bovary von Flaubert verkörpert hingegen die französische Literatur des 19. Jahrhunderts. Es wird deutlich: Zeitgenössisches Theater hat nicht unbedingt etwas mit den Stücken zu tun, die es auf der Bühne zu sehen gibt. Wesentliche Elemente des zeitgenössischen Theaters sind die Realisierung bzw. die Inszenierung der einzelnen Stücke.

Zeitgenössisches Theater: Besonderheiten und Neuerungen

Gerade mit der zunehmenden Digitalisierung kamen neue Möglichkeiten der Inszenierung, die auch die Bühne eroberten. Das Einblenden von Filmsequenzen im Theater, also ein crossmediales Erlebnis von Bühnen- und Kinovorstellung war nur der Anfang einer neuen Stufe im Theater. Hinzu kamen nach und nach auch besondere Formen bzw. der spezielle Einsatz von Kameras: Schauspieler spielten hinter der Bühne und übertrugen mittels Handkameras das Geschehene nach außen zu den Zuschauern. Das Stilmittel der sogenannten Mauerschau, welches bereits in der Antike verbreitet war, kam in eine neue Runde: Anstatt der Person, die über die Mauer schaut und einen wesentlichen Beitrag zum Geschehen liefert, indem sie erzählt, was hinter der Mauer „passiert“ – also eine Art Deus ex Machina, um aufwendige Inszenierungen zu vermeiden – konnte das Publikum im zeitgenössischen Theater selbst hinter die Kulissen blicken.

Mit der Technik, die immer mehr Möglichkeiten bereithielt, gestaltete sich die Inszenierungen immer aufwendiger. War die Mauerschau ein Mittel, um den Aufwand gering zu halten, machten Kameras das Spielen und auf die Bühne Bringen immer ressourcenintensiver. Nicht nur die Bühnentechnik wurde aufwendiger, sondern auch das Spielen per se. Wer die großen Theater Deutschlands oder auch der Welt einmal besucht, wird schnell feststellen, dass es beim Spielen nicht mehr alleinig um eine gute schauspielerische Leistung geht. Modernes bzw. zeitgenössisches Theater wird oftmals geprägt von Tabubrüchen und einer Vielzahl von Besonderheiten: Besonders beliebt ist das Spiel mit Tabus, die auf der Bühne schockieren. Blut oder Nacktheit sind dabei ganz vorn mit dabei – Dinge, die sich nicht immer großer Beliebtheit erfreuen.

Video Modernes Theater: Tabubrüche auf der Bühne zelebriert

Kritik am zeitgenössischen Theater

Gerade das Spiel mit der Nacktheit scheint schick zu sein. Wird ein älteres Drama zeitgenössisch interpretiert und aufgeführt, so ist es in den letzten 20 Jahren nicht selten, dass mindestens eine Person einmal splitterfasernackt auf der Bühne steht. Ähnliches zeigt sich auch in der Oper: Macbeth hängt an einem Seil kopfüber in luftiger Höhe – bedeckt mit nichts. Ein Blick auf seine intimsten Stellen soll das Publikum schockieren, aufwecken oder sensibilisieren, aber muss das sein?

Sowohl Kritiker als auch Schauspieler üben an dieser Art und Weise der Inszenierung des modernen Theaters Kritik. In einem Bericht des Tagesspiegels äußert sich auch der Schauspieler Ulrich Tukur in diese Richtung. Seine Vermutung: Es mangele an jungen Dramatikern und neuen Stücken, sodass die Bühnen Altbekanntes immer aufwendiger und vor allem auffälliger aufgeführt würden. Gerade die Sicht eines Schauspielers auf diese Entwicklung im modernen Theater sind interessant, geht es offenbar nicht nur dem Publikum so.

Modernes Theater: Verschiedene Formen Theaters

Das moderne bzw. zeitgenössische Theater ist geprägt von einer Vielzahl an unterschiedlichen Formen der Bühnendarstellung. Lange schon wird die traditionelle Kluft zwischen Publikum und Bühne nicht mehr eingehalten. Begonnen hat dieser Wandel bereits im 20. Jahrhundert mit dem epischen Theater, welches ganz klar nicht nur die Absicht hatte, zu unterhalten, sondern aufzurütteln. Im Sinne des Brecht’schen Verfremdungseffekts war es nicht nur gewollt, das Publikum durch die scheinbar widersprüchlichen Rollen und das widersinnige Spiel der Schauspieler zu schockieren. Es wurden auch andere Stilmittel eingesetzt, um die Zuschauer vom Gesehenen zu distanzieren. Eine Ansprache des Publikums war in diesem Zusammenhang keine Seltenheit. Langsam aber sicher etablierten sich Formen des Theaters, die mit dem Publikum interagierten.

Die Kluft zwischen dem Handlungsspielraum der Bühne und den Zuschauern wurde also zunehmend geschlossen. Seit den 1990er-Jahren entwickelten sich die sogenannten partizipativen Theaterformen, bei denen das Publikum angesprochen wird und teilweise mitwirken darf oder sogar soll. Ein Beispiel dafür ist ebenfalls das Impro-Theater. Hier treffen Schauspieler aufeinander, ohne genau zu wissen, was sie eigentlich spielen sollen. Die Hauptaufgabe liegt dann beim Publikum, wertvollen Input zu geben, um so die Handlung voranzutreiben. Eine Idee, die das Publikum mit einbezieht und die Distanz von Bühne und Zuschauern verringert. Gerade in Zeiten, in denen Kino, TV und Streaming eine immer größere Relevanz einnehmen, ist es sicherlich sinnvoll, das Publikum im Theater miteinzubeziehen. Auf diese Weise wird dem Theater der elitäre Charakter ein wenig genommen – und vielleicht auch die junge Generation angeregt, sich mit dem Thema Theater auseinanderzusetzen.


Bildnachweis: © Fotolia – Titelbild Anton Belovodchenko, #1 romas_ph

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Über Marius Beilhammer

Marius Beilhammer, Jahrgang 1969, studierte Journalismus in Bamberg. Er schreibt bereits viele Jahre für technische Fachmagazine, außerdem als freier Autor zu verschiedensten Markt- und Businessthemen. Als fränkische Frohnatur findet er bei seiner Arbeit stets die Balance zwischen Leichtigkeit und umfassendem Know-how durch seine ausgeprägte Affinität zur Technik.

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