„Mein Kampf“ am Münchner Volkstheater

Zusammen mit einem Freund, der ebenfalls sehr geschichtsinteressiert ist, besuchte ich die Neuinszenierung im Münchener Theater.

Der Bühnenaufbau lässt keine Zweifel offen

Bereits der Bühnenaufbau machte uns klar, wohin die Reise geht: Zu den Wurzeln Adolf Hitlers in den Jahren 1910 bis 1913 und in das Männerwohnheim, in dem der damalige junge Mann in Wien einen Zufluchtsort und Unterschlupf findet, um sich für die Kunstakademie zu bewerben. Ich erblicke Adolf Hitler in ungewohnter Manier als eine Art jämmerlichen Narzissten: In fleckigen Unterhosen stolpert er über die Bühne, schwankt zwischen Selbstmitleid, Ängsten und Größenwahn und schwadroniert über die jüdischen Verschwörungspläne.

Nichtsdestotrotz ist es gerade der jüdische Buchhändler Schlomo Herzl (gespielt von Pascal Fligg), der sich seiner annimmt und Mitleid mit dem jungen Mann hat. Freilich ist das Zusammentreffen dieser beiden Charaktere irrwitzig und konträr gestaltet. Meinen Freund Benjamin amüsieren vor allem die Versuche Schlomos, Hitler doch noch auf den „richtigen“ Weg zu bringen. Nichts lässt er unversucht, liest ihm sogar Passagen aus der Bibel vor.

Realistische Figuren, die kraftvoll ihre Ideologien vertreten in „Mein Kampf“ am Münchner Volkstheater

Jakob Immervoll schafft es wie kein zweiter, den Diktator darzustellen – mit weit aufgerissenen Augen, einer eher statischen Gestik und den völkischen Sprüchen auf den Lippen. Pascal Fligg ist mit seiner aufgeklärten Haltung und der immensen Geduld, die er gegenüber dem späteren Diktator an den Tag legt, der genaue Gegenpol Hitlers. Ohne Zweifel wurde mir spätestens im Verlaufe des Stückes klar vor Augen geführt, dass diese beiden Figuren eine der bizarrsten Paare sind, die jemals auf der Bühne standen.

Zwischen dem um Freundlichkeit ringenden Juden mit Schäfchenlocken und Brille und dem dauerechauffierten Choleriker trumpft wiederum ein anderer auf: Lobkowitz (Timocin Ziegler) spielt den raffinierten Schlawiner, der zunächst mit einer spielerischen Leichtigkeit auftritt und Hitler auf subtile Weise vorzuführen versucht.

Dramtische Rollen, ausgezeichnet besetzt und gespielt. (#01)

Dramtische Rollen, ausgezeichnet besetzt und gespielt. (#01)

Ernste Komponenten mischen sich in die Inszenierung von „Mein Kampf“

Taboris brachte das Stück 1987 erstmals auf die großen Bühnen, sagte mir mein Freund Benjamin. Er inszenierte das Werk wiederum eher als harmlose makabere Farce, welche die Bauchmuskeln ganz schön beansprucht. Stückl verzichtet einmal mehr auf diesen Klamauk und verleiht dem Juden Schlomo zunehmend nachdenkliche Züge, die in seinem permanenten Ringen zwischen Gläubigkeit und Menschlichkeit zum Ausdruck kommen. Die Inszenierung ist somit ein ständiger Drahtseilakt zwischen Groteske und Ernsthaftigkeit.

Als sich das Stück dem Ende neigt, wird es doch noch einmal komisch: Frau Tod betritt kettenrauchend die Bühne, um Hitler abzuholen, wird auf dem Weg jedoch von Schlomo in ein Zwiegespräch verwickelt; der gar nicht in Erwägung zieht, dass Hitler als Täter und Gehilfe durchaus mehr tauge denn als Toter. Das Ende war für uns ebenso zwiespältig wie das restliche Stück, und die inszenierten konnten mich innerlich nicht berühren. Als wir den Saal verließen, stimmten wir uns noch einmal über das Stück ab. Auch Benjamin zeigte sich enttäuscht.

„Die besten Szenen waren eigentlich die, in denen Stückl die Wortwitze von Taboris untergebracht hat. Zumindest gab es einige Lichtblicke in dem Chaos – und wir haben gesehen, dass Juden und Nationalsozialisten zumindest miteinander auskommen können“, scherzt er. Ich rollte mit den Augen. Immerhin schien er seinen Humor nicht verloren zu haben.


Bildnachweis:©Titelbild: _Jacob Immervoll -#01:  Jakob Immervoll (Adolf Hitler), Pascal Fligg (Herzl), Timocin Ziegler (Lobkowitz und Himmlisch)

Über Rebecca Liebig

Rebecca Liebig ist gerade im achten Monat schwanger. Voller Vorfreude auf ihr Baby genießen sie und ihr Mann die spannende Zeit. Von der ersten Übelkeit bis hin zu den Bewegungen ihres Mädchens halten sie alles fest. Schließlich möchte man sich später ja auch an diese Zeit erinnern. Bei der Planung des Kinderzimmers gehen die Vorstellungen zwar auseinander. In einem sind sich Rebecca und ihr Mann jedoch einig: Die aufregende Zeit wollen sie so richtig genießen. Rebecca plant, drei Jahre mit ihrer Tochter zu Hause zu bleiben. Auch ihr Mann möchte zwei Monate Elternzeit nehmen.

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