Dürrenmatt und die Dramentheorie

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Dürrenmatt und die Dramentheorie

Friedrich Dürrenmatt: Ein Meister des Absurden und der Spannung. Seine Werke, wie „Der Richter und sein Henker“ und „Die Physiker“, hinterlassen ein Erbe voller Tiefsinnigkeit und Rätselhaftigkeit. Tauchen Sie ein in die Welt eines der bedeutendsten deutschsprachigen Dramatikers des 20. Jahrhunderts.
Friedrich Dürrenmatt und weitere TheoretikerFriedrich Dürrenmatt: Ein Wegbereiter der ModerneDie Kunst jenseits der Ästhetik – Dürrenmatts existenzieller AnsatzDürrenmatts Theater: Die TragikkomödieDie Besonderheiten der Tragikkomödie: Das Groteske

Aktuelles

2024-03-06 – Lesung mit Musik zur Passion: Dürrenmatts ‚Pilatus‘ im Ratzeburger Dom

Am 16. März 2024 fand im Paradies des Ratzeburger Domes eine Lesung mit Musik zur Passion statt. In Zusammenarbeit mit der Schweizer Dürrenmatt Stiftung knüpfte die Veranstaltung an eine zurückliegende Lesung des »Großinquisitors« von F. Dostojewski an. Johanna Krumstroh, renommierte Schauspielerin und Literatur-Konzertinterpretin, las aus Friedrich Dürrenmatts Erzählung »Pilatus«, begleitet von Johann Sebastian Bachs Werken. Martin Böcker, Organist und Professor, unterstützte musikalisch. Die Lesung thematisierte Pilatus‘ Tragik in seiner Begegnung mit dem Göttlichen und wurde zu einer eindrucksvollen Meditation zur Passion.

Friedrich Dürrenmatt und weitere Theoretiker

Theoretiker Geburtsdatum Weitere Informationen
Aristoteles 384 v. Chr. Griechischer Philosoph und Wissenschaftler, einer der bedeutendsten Denker der Antike, verfasste Werke über Philosophie, Logik, Ethik, Rhetorik, Naturwissenschaften und Literatur.
Gotthold Ephraim Lessing 1729 Deutscher Schriftsteller, Dramatiker und Kritiker der Aufklärung, bekannt für seine theoretischen Schriften über das Theater und seine Dramen wie „Nathan der Weise“.
Friedrich Schiller 1759 Deutscher Dichter, Philosoph und Historiker, ein bedeutender Vertreter der Weimarer Klassik, bekannt für seine Dramen wie „Die Räuber“ und „Wilhelm Tell“.
Friedrich Dürrenmatt 1921 Schweizer Schriftsteller und Dramatiker, einer der bedeutendsten deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts, bekannt für Werke wie „Der Besuch der alten Dame“.

Friedrich Dürrenmatt: Ein Wegbereiter der Moderne

Friedrich Dürrenmatt, geboren 1921, erlebte die Umwälzungen des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Krieges, die seine Werke prägten.

Der Schweizer Autor, der in Bern lebte, hinterließ ein facettenreiches literarisches Erbe, darunter:

  • Der Richter und sein Henker (1951)
  • Der Verdacht (1952)
  • Theaterprobleme (1955)
  • Der Besuch der alten Dame (1956)
  • Die Physiker (1962)

Video: Friedrich Dürrenmatt

Um seine Dramentheorie zu verstehen, ist es wichtig, Dürrenmatts politische Ansichten und seine Sicht auf die Gesellschaft zu betrachten. Obwohl er keiner bestimmten politischen Richtung folgte, beschäftigte er sich intensiv mit dem Existenzialismus, der den Menschen als einzigartiges Wesen betrachtet, das eine besondere Beziehung zum „Nichts“ hat.

Die Kunst jenseits der Ästhetik – Dürrenmatts existenzieller Ansatz

Friedrich Dürrenmatt, beeinflusst vom Existenzialismus, thematisierte in seinen Werken das menschliche Sein. Sein Schaffen war nicht nur Selbstzweck (L’art pour l’art). Vielmehr wollte er mit seinen (Bühnen-)Werken – ähnlich wie Brechts episches Theater – zum Nachdenken anregen. Dabei entwickelte Dürrenmatt einen eigenen Stil, der zwar vom epischen Theater abwich, aber dennoch ähnliche Ziele verfolgte.

Insbesondere die Struktur und der Kontext seiner Bühnenwerke waren ihm wichtig. In seinem Werk Theaterprobleme von 1955 widmete er sich explizit der Thematik des Theaters und erläuterte seine Dramentheorie. Er kritisierte das traditionelle aristotelische Theater, das seiner Meinung nach nicht mehr zeitgemäß war.

Video: Das Literarische Quartett: Über Friedrich Dürrenmatt 2/2

Friedrich Dürrenmatt und sein Blick auf das epische Theater

Friedrich Dürrenmatt, renommierter Schweizer Autor und Dramentheoretiker, hinterfragte nicht nur die Prinzipien des aristotelischen Theaters, sondern auch die des epischen Theaters von Brecht.

Obwohl beide das Publikum zum Nachdenken anregen wollten, unterschieden sich ihre Ansätze deutlich. Das epische Theater setzte auf den Verfremdungseffekt, bei dem Schauspieler bewusst von ihren Rollen abweichen, um das Publikum zu irritieren und zu Reflexion anzuregen.

Diese Herangehensweise lehnte Dürrenmatt in seiner Dramentheorie ab, da er Theater als unterhaltsam und dennoch lehrreich gestalten wollte, ohne die künstlerische Qualität zu beeinträchtigen.

Für das epische Theater war es besonders wichtig, nicht nur zum Nachdenken anzuregen, sondern einen gewissen Lehrgehalt zu vermitteln. Genau diesem Aspekt widersprach Dürrenmatt mit seiner Dramentheorie.

Ein Theaterstück, das lediglich zu Lehrzwecken aufgeführt wird, entspricht nicht Dürrenmatts Vorstellungen von Theater. Worin Dürrenmatt und Brecht jedoch übereinstimmen ist die Distanz, die der Zuschauer zur Handlung bekommen soll – nur die Art und Weise, wie diese Distanz erreicht werden soll, variiert. Das hängt besonders von der Wahrnehmung der Welt ab.

Dürrenmatts Theater: Die Tragikkomödie

Friedrich Dürrenmatt, einer der bedeutendsten Dramatiker des 20. Jahrhunderts, prägte das Theater mit seiner einzigartigen Form der Tragikkomödie. Diese neue Unterform des Dramas kombinierte Elemente der Tragödie und der Komödie auf innovative Weise.

Dürrenmatt erkannte, dass die traditionelle Tragödie an Aktualität verlor, da ihre klassischen Protagonisten wie Adlige und Feldherren keine repräsentative Macht mehr hatten. In seiner Zeit waren die tragischen Helden anonym und ohne Namen, was die traditionelle Form des Theaters obsolet machte.

Um den Zeitgeist besser einzufangen, griff Dürrenmatt auf die Charaktere der Komödie zurück, die er als „kleine Charaktere“ bezeichnete. Diese Figuren, mit ihren alltäglichen Problemen und bescheidenen Lebensumständen, spiegelten die Realität der modernen Gesellschaft wider.

Doch Dürrenmatt führte einen unerwarteten Twist ein: Er integrierte tragische Elemente in die Komödie, um das Publikum zum Nachdenken anzuregen.

Video grotesk „Lauter schwierige Patienten“: Marcel Reich-Ranicki über Friedrich Dürrenmatt


Dieses innovative Stilmittel des Grotesken brachte eine einzigartige Dynamik in seine Werke und etablierte die Tragikkomödie als eigenständiges Genre in der dramatischen Literatur.

Mit seiner Dramentheorie und seinen wegweisenden Stücken wie „Der Besuch der alten Dame“ und „Die Physiker“ hinterließ Dürrenmatt einen bleibenden Einfluss auf das Theater des 20. Jahrhunderts und darüber hinaus. Seine Tragikkomödien zeugen von einem tiefen Verständnis für die menschliche Natur und bieten eine faszinierende Reflexion über die Absurditäten des Lebens.

Die Besonderheiten der Tragikkomödie: Das Groteske

Die Tragikkomödie, ein einzigartiges Genre in der dramatischen Literatur, zeichnet sich durch das Element des Grotesken aus, das ihr eine besondere Faszination verleiht. Friedrich Dürrenmatt, einer der bedeutendsten Vertreter dieses Genres, nutzte das Groteske geschickt, um die Absurditäten des menschlichen Daseins zu beleuchten und das Publikum zum Nachdenken anzuregen.

Das Groteske steht für eine künstlerische Darstellung, die durch Übertreibung, Verzerrung und Kontraste gekennzeichnet ist. In der Tragikkomödie wird dieses Stilmittel eingesetzt, um die Diskrepanz zwischen den ernsten, oft tragischen Themen und den komischen Elementen zu betonen. Dürrenmatt kombinierte tragische Handlungsstränge mit humorvollen Momenten, um eine einzigartige Atmosphäre zu schaffen, die das Publikum sowohl zum Lachen als auch zum Nachdenken bringt.

Durch das Groteske gelingt es Dürrenmatt, die Absurditäten des Lebens aufzudecken und die Widersprüche der menschlichen Existenz zu reflektieren. Seine Tragikkomödien wie „Der Besuch der alten Dame“ und „Die Physiker“ sind geprägt von einer tiefgründigen Auseinandersetzung mit moralischen Dilemmas, gesellschaftlichen Normen und dem Streben nach Macht und Reichtum. Das Groteske dient dabei als kraftvolles Mittel, um die Zuschauer aus ihrer Komfortzone zu locken und sie dazu zu bringen, über die tiefgründigen Themen nachzudenken, die in Dürrenmatts Werken behandelt werden.

Spannung und Moral: Friedrich Dürrenmatts „Der Richter und sein Henker“

„Friedrich Dürrenmatts ‚Der Richter und sein Henker‘ ist ein fesselndes Krimidrama, das nicht nur mit Spannung, sondern auch mit moralischen Fragen fesselt.

Das Werk, erstmals veröffentlicht 1950, erzählt die Geschichte des alternden Kommissärs Bärlach, der den Mord an einem ehemaligen Kollegen aufklären möchte. Dabei deckt er die dunklen Geheimnisse einer korrupten Welt auf.

Video: Der Richter und sein Henker to go (Dürrenmatt in 11 Minuten)

In dem Buch verschmelzen Krimielemente mit philosophischen Reflexionen über Moral, Gerechtigkeit und die Natur des Bösen.

Dürrenmatt führt den Leser auf eine beklemmende Reise durch die menschliche Psyche, während er die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen lässt.

Die Charaktere in ‚Der Richter und sein Henker‘ sind komplex und vielschichtig, und ihre Handlungen werfen Fragen nach Verantwortung und Schuld auf.

Das Buch stellt die Leser vor die Herausforderung, sich mit den Grauzonen der Moral auseinanderzusetzen und die Konsequenzen von Entscheidungen zu reflektieren.

Die Ethik der Wissenschaft: Dürrenmatts faszinierendes Drama „Die Physiker“

„Dürrenmatts „Die Physiker“ ist ein faszinierendes Drama, das die ethischen und moralischen Fragen im Kontext wissenschaftlicher Entdeckungen thematisiert. Das Stück, uraufgeführt im Jahr 1962, erzählt die Geschichte von drei Physikern in einer Nervenheilanstalt, die jeweils behaupten, berühmte Wissenschaftler zu sein. In Wahrheit verstecken sie jedoch ihre Identitäten, um sich vor der Welt zu schützen, da ihre Entdeckungen potenziell gefährlich sind.

Dürrenmatt verwendet geschickt die Allegorie, um tiefgreifende Fragen nach Verantwortung, Ethik und den Grenzen der Wissenschaft aufzuwerfen. Die Physiker stehen symbolisch für die dualistische Natur des Fortschritts: Einerseits sind ihre Entdeckungen bahnbrechend und könnten die Welt verändern, andererseits bergen sie das Risiko, für zerstörerische Zwecke missbraucht zu werden.

Video: Die Physiker Zusammenfassung (Dürrenmatt)

Das Stück ist geprägt von einer düsteren Atmosphäre, die von schwarzhumorigen Elementen durchzogen ist. Dürrenmatt konfrontiert das Publikum mit moralischen Dilemmas und zwingt es, über die Konsequenzen wissenschaftlicher Forschung nachzudenken. Dabei bleibt die Handlung spannend und überraschend bis zum Schluss, wenn sich die Wahrheit über die Physiker und ihre Motive enthüllt.

„Der Besuch der alten Dame“: Dürrenmatts fesselndes Drama über Gier und Korruption

„Friedrich Dürrenmatts ‚Der Besuch der alten Dame‘ ist ein bahnbrechendes Drama, das die moralischen Abgründe einer Gesellschaft aufzeigt, die von Gier und Korruption durchdrungen ist.

Das Stück, uraufgeführt im Jahr 1956, erzählt die Geschichte von Claire Zachanassian, einer reichen Frau, die in ihre Heimatstadt zurückkehrt, um sich an den Bürgern zu rächen, die sie einst verstoßen haben.

Dürrenmatt verwendet geschickt die Figur der Claire, um die Versuchung und Verderbtheit des Geldes zu verkörpern.

Ihre Angebote, der Stadt finanziell zu helfen, offenbaren die moralische Verfallenheit der Bewohner, die bereit sind, ihre Prinzipien für persönlichen Gewinn zu opfern. Die Stadt, einst stolz und integer, wird zu einem Schauplatz von Verrat und Selbstsucht.

Video: Friedrich Dürrenmatt – Der Besuch der alten Dame [HD]

Das Stück wirft tiefgreifende Fragen nach Moral, Gerechtigkeit und menschlicher Natur auf. Es zeigt, wie leicht Menschen zu manipulieren sind, wenn ihre Existenz von materiellen Gütern bedroht wird. Trotz seiner düsteren Thematik ist das Drama mit schwarzhumorigen Elementen durchzogen, die die Absurdität der Situation betonen.

Intrigen und Paranoia: Friedrich Dürrenmatts „Der Verdacht“

Ein fesselndes Werk, das die Geschichte von Kommissär Hans Bärlach erzählt. Während seiner Genesung im Krankenhaus Salem wird er Zeuge, wie sein Freund Samuel Hungertobel nervös wird, als er ein Foto des angeblichen Kriegsverbrechers Nehle sieht. Hungertobel glaubt, in seinem Studienkollegen Fritz Emmenberger den vermeintlichen Nehle wiederzuerkennen, der angeblich im Konzentrationslager Stutthof tätig war.

Bärlach hegt den Verdacht, dass Nehle und Emmenberger ein und dieselbe Person sein könnten. Er recherchiert und entdeckt Hinweise, die diese Vermutung bestätigen. Als Patient getarnt, versucht er, in Emmenbergers Klinik die Wahrheit ans Licht zu bringen. Doch Emmenberger entpuppt sich als skrupellos und unbeeindruckbar. Bärlach verliert die Kontrolle, als Emmenberger ihn gefangen hält und sogar den Journalisten Fortschig tötet.

Ein fesselndes Werk, das die Geschichte von Kommissär Hans Bärlach erzählt. (Foto: AdobeStock - 622206087  fran_kie)

Ein fesselndes Werk, das die Geschichte von Kommissär Hans Bärlach erzählt. (Foto: AdobeStock – 622206087 fran_kie)

Doch im entscheidenden Moment rettet Bärlachs Freund Gulliver ihn, indem er Emmenberger tötet. Gemeinsam fliehen sie aus der Klinik.

Trotz des Scheiterns seines Plans kehrt Bärlach nach Bern zurück, bereichert um die bitteren Erkenntnisse über das Böse und die Unberechenbarkeit der menschlichen Natur.

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